Die Pfingstpredigt zum Nachlesen

Frieden sei mit euch von Gott, unserem Vater, Jesus Christus, unserem Bruder, und dem Heiligen Geist, unserem Begleiter. Amen.

Liebe Gemeinde,

als ich Studentin war, hat mich mal eine Mitbewohnerin in der Wohngeminschaft gefragt: „Pfingsten? Was ist das denn?“

Ja, Pfingsten, was ist das? Es gibt jedes Jahr neue Umfragen, viele sagen dann: Ich weiß es nicht. Einige kriegen noch hin dass es „was mit Jesus“ ist „irgendwie was mit dem Heiligen Geist“. Es kommt auch schon mal „da ist doch die Pfingsttaube erschienen“ – oder „da ist halt ein Fest.“ Konfirmation gehabt, Grillfest, freier Tag, … was auch immer.

Pfingsten, das ist der „Tag der Ausgießung des Heiligen Geistes“, so steht es im liturgischen Kalender, in dem alle Informationen über alle Sonntage und Festtage im Jahr stehen. Oder auch der „Kirchengeburtstag“. Was da passiert ist, haben wir im Lesungstext gehört; und wie das dann später weiter wirkt, hören wir im ersten Brief des Paulus an die Gemeinde in Korinth, im Kapitel 2:

 2 Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, damit wir wissen, was uns von Gott geschenkt ist. 13 Und davon reden wir auch nicht mit Worten, welche menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der Geist lehrt, und deuten geistliche Dinge für geistliche Menschen. 14 Der natürliche Mensch aber nimmt nicht an, was vom Geist Gottes ist; es ist ihm eine Torheit und er kann es nicht erkennen; denn es muss geistlich beurteilt werden. 15 Der geistliche Mensch aber beurteilt alles und wird doch selber von niemandem beurteilt. 16 Denn »wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer will ihn unterweisen«? (Jesaja 40,13) Wir aber haben Christi Sinn.

Liebe Gemeinde, gestern Abend hab ich was gemacht, was ich sonst sehr selten tue. Ich hatte eigentlich eine Predigt schon komplett fertig. Aber gestern gegen neun hab ich gemerkt: das passt nicht. Das ist alles gut und schön und wohl formuliert, aber ein Geist, der schwebt doch, der ist irgendwie leicht und luftig. Der ist unwirklich und unwahrscheinlich. Da passieren verrückte Sachen, und zwar so verrückte Sachen, dass man die gar nicht erklären kann, da tun Menschen völlig unerklärliche Dinge. Und wenn ich dann anfangen will zu erklären, dann passt das nicht. Also hab ich einfach mal meinen Gedanken ihren Lauf gelassen…. Und meine Hand schreiben lassen.

Ich geh noch mal zu Paulus zurück. Er schreibt „wir haben nicht den Geist der Welt bekommen, sondern den Geist aus Gott – damit wir wissen, was Gott uns geschenkt hat. Und von diesem Geschenk reden wir nicht mit menschlichen Worten, sondern mit geistlichen. Dem „natürlichen“ Menschen, man könnte vielleicht sagen, dem „Otto Normalverbraucher“ ist das fremd.“

Fremdheit. Das ist ein Begriff, bei dem ich hängen bleibe.

Fremd sein, das ist ein Thema bei den Jüngern. Die fühlten sich wunderbar wohl und vertraut mit Jesus. Ja, die sind mit Jesus andere Wege gegangen als üblich, aber das hat gepasst. Sie hatten einen charismatischen Führer, sie haben sich untereinander gut verstanden, es war emotional leicht für sie, mitzugehen. Und dann kam der Bruch. Erst stirbt Jesus. Dann steht er plötzlich wieder mitten unter ihnen. Und dann verschwindet er wieder in den Himmel, ist nicht mehr da, aber irgendwie doch. Und da stehen sie nun, verlassen, und fühlen sich fremd. Sie sind nämlich keine „Otto Normalverbraucher“ mehr, sie haben was anderes erlebt. Ins alte Leben zurück, puh, das ist schwierig, aber blöderweise wissen sie auch nicht, wohin sonst. Sie sitzen also zusammen, und grübeln so vor sich hin. Versuchen, einen neuen Plan für ihr Leben zu entwerfen. Und plötzlich hören sie: „Geht raus, redet mit den Leuten, erzählt ihnen von mir, erzählt ihnen alles, was ihr von mir über Gott gelernt habt.“ – oder, anders gesagt: „Übernehmt Verantwortung für meine Sache“ – sagt Jesus.

Man stelle sich mal vor, Petrus hätte gesagt: „Äh, muss ich mir noch überlegen. Ich nehme an, du bist der Heilige Geist, oder? Also, Geist, ich weiß nicht, ich hab mir grad überlegt, wieder in Sachen Fischerei zu machen, und am Haus wollte ich auch anbauen. Man muss ja sehen, dass die Familie versorgt ist. Also, nein, danke, nett, dass du an mich gedacht hast, Geist, aber das soll lieber ein anderer machen.“

Ja, Hätte er sagen könne. Da wär dann die Geschichte des Glaubens schnell erzählt gewesen, die hätte es dann nämlich gar nicht gegeben. Die Kirche hier gäbe es nicht, und wir würden jetzt auch was anderes tun.

Hat er aber nicht. Verrückt, wie es ist: Petrus und die anderen lassen sich darauf ein. Ohne Plan, ohne Strategie, ohne doppelten Boden gehen die einfach raus und fangen an zu reden. Und ich schätze mal, die haben sich da erst mal auch ziemlich komisch gefühlt. Ziemlich „fremd“ vermutlich. Das waren einfache Männer, keiner war zum Redner geboren, oder zum Anführer. Aber irgendwie hat der Geist sie erwischt, und sie sind raus und haben sich was getraut, was ihnen sicher nicht in die Wiege gelegt war.

Einige Jahre später. Saulus aus Tarsus tritt auf. Der hatte einen Plan, der hatte eine Strategie. Und zwar ganz genau durchgeplant von A – Z. Christen gingen ihm entsetzlich auf die Nerven. Die brachten nämlich die ganze schöne Ordnung durcheinander. Dieser Petrus und seine Freunde, die schwirren da herum, erzählen was von Gott und Jesus, ignorieren die alten Ordnungen und haben damit auch noch Erfolg. Also echt, so was geht doch gar nicht.

Er ist wild entschlossen, diesem Treiben ein Ende zu setzen, und zwar flächendeckend. Darum reitet er nach Damaskus. Was auf dieser Reise passiert, sieht man ziemlich eindrucksvoll auf dem … Epitaph unter der Empore. „Saulus, warum verfolgst du mich? Ich will, dass du was ganz anderes tust!“ hört er.

Man stelle sich vor, er hätte gesagt: „Oh, ja, ich hab dich schon gehört, Jesus. Find ich ja irgendwie auch gut, was du sagst und so. Da sollte man sich echt mal Zeit nehmen und sich das genau anschauen. Aber weißt du, ich bin grad so beschäftigt mit meinen Christenverfolgungen, du, da muss ich echt voll im Einsatz sein. Hab keine Zeit für was anderes, tut mir leid. Du kannst mich ja in fünf Jahren noch mal fragen. Oder frag doch mal noch jemand anderen, es gibt doch echt noch genug andere außer mir. Vielleicht sehen wir uns ja mal irgendwo!“

Verrückt, wie es ist: Saulus tut das nicht. Er schmeißt seine Pläne über den Haufen, er wird zum Paulus und ist ab sofort für Jesus unterwegs. Das dürfte auch ihm ein ziemlich heftiges Gefühl der Fremdheit beschert haben. Davor war er in eine Gemeinschaft eingebettet, deren Regeln er befolgt hat. Alles gut. Danach: Hat ihn seine alte Gemeinschaft mit Sicherheit äußerst skeptisch angeschaut, und das ist ja auch nur zu verständlich. Ob die Christen aber so Überzeugt von ihm waren, nachdem sie ihn vorher ja jahrelang anders erlebt haben – das darf man wohl auch bezweifeln. Bequem war das sicher nicht.

Über die Jahrhunderte der Kirchengeschichte gab es so was immer wieder. Menschen hatten sich eingerichtet in ihrem Leben. Mal gut, mal weniger gut, aber man wusste so in etwa, was einen erwartete. Man lebte so in seinen Ordnungen und Gewohnheiten, wusste, was zu tun ist, hatte so seine Sachzwänge.

Immer wieder ist es aber passiert, dass Menschen irgendwie angesprochen wurden. Und zwar auf eine andere Weise als „normal üblich“. Nicht menschlich, sondern irgendwie komplett außer der Reihe. „Geistlich“ nennt Paulus das. Einige von ihnen sind noch immer bekannt, auch wenn es schon Jahrhunderte her ist.

Zum Beispiel ist unsere Kirche an den Tagen der Heiligen Kilian und Willibald geweiht worden – das waren ein irischer und ein englischer Mönch, die im 7. und 8. Jahrhundert hier im fränkischen Raum von ihrem Glauben berichtet haben. Ob die sich hier nicht ein bisschen fremd gefühlt haben, vielleicht auch „leicht“ überfordert mit der Aufgabe? Oder der Heilige Wolfgang. Der wäre ganz gern ein einfacher Mönch im Kloster Reichenau geblieben, da hat er sich heimisch gefühlt. Ist er aber nicht, er hat Aufgaben übernommen, die er sich von sich aus vermutlich nicht gesucht hätte. Weil er Gottes Auftrag gehört hat, doch für ihn unterwegs zu sein, sich für ihn einzusetzen, von ihm zu erzählen. Er hat unter anderem deshalb mehrere Domschulen gegründet.

Andere Beispiele wären die Reformatoren, die sich das Leben doch auch bedeutend einfacher hätten gestalten können, als sie es haben. Oder in neuerer Zeit Menschen, die aus ihrem Glauben heraus Dinge getan haben, die ganz sicher nicht bequem waren. Die aber – verrückt, wie sie waren, unlogisch, absurd und was nicht noch alles – sein mussten. Weil es Gottes Geist, Gottes Anspruch war, der da kam, weil man den nicht mit menschlicher Logik beantworten kann.

Da gibt es aber noch viel mehr Menschen als die bekannten Namen. Nicht jeder ist groß rausgekommen, aber das ist auch gar nicht das Thema. Neben Petrus und den anderen Aposteln, deren Namen in der Bibel genannt sind, muss es ja noch jede Menge andere gegeben haben, die auch das ihre getan haben, auch wenn wir ihre Namen heute nicht mehr wissen.

Die gibt es auch noch heute, diese Menschen, sehr bekannte gibt es und solche, von denen kaum jemand redet. Allen gemeinsam dürfte eins sein: Ein gewisses Gefühl der Fremdheit. Denn in den Augen der Allgemeinheit war und ist das schon ein bisschen schräg, was die da tun. Mir passiert das immer wieder, wenn andere Menschen hören, welchen Beruf ich habe. Bayern hat knapp 13 Mio. Einwohner, davon sind ungefähr 2.500 Evangelische Pfarrer. Schon fremd, irgendwie. Und schräg. Knapp 14.000 von diesen 13 Mio. sind irgendwo in einem Kirchenvorstand. 0,1% der Gesamtbevölkerung. Auch ziemlich fremd. (Zum Vergleich; es gibt in Bayern knapp 12.000 Sportvereine, von dem zumindest die allermeisten mit einer zumindest dreiköpfigen Vorstandschaft ausgestattet sein dürften. Macht also in Summe mindestens 36.000 Sportvereinsvorstände.  - 2,4 Mio. Evangelische – 4,4 Mio. Mitglieder in Sportvereinen).

Aber nach dem, was wir bei Paulus hören, ist es irgendwie auch das Wesen des christlichen Glaubens, „fremd“ zu sein in der Welt. Es geht hier ja vieles, wenn nicht fast alles, anders als nach menschlicher, weltlicher Logik. Auferstehung aus den Toten, Himmelfahrt, das ist nicht logisch. Das ist nicht in Ansätzen richtig vorstellbar. Einem, der mich auf eine Backe schlägt, die andere auch noch hinzuhalten, ist nicht vernünftig, viele Menschen würden sogar sagen: Das ist dumm. Nun will ich ja nicht behaupten, dass Christen per se dumm wären, aber: fremd ist es schon. Ungewöhnlich. Nicht in der Norm.

Ist es deshalb so schwer, in unseren Zeiten und in unserem Umfeld seinen christlichen Glauben zu zeigen? Ist es deshalb so schwer, einfach mal etwas zu wagen, einfach mal sich etwas zuzutrauen, auch ohne Netz und doppelten Boden, und auch ohne Garantie, dass alles zu meiner höchstpersönlichen Zufriedenheit und Bereicherung ausfällt? „Fremd sein“, das ist nicht bequem, da fällt man auf, da muss man vielleicht auch Dinge tun, die man sich von selber nicht ausgesucht hätte.

Ich erinnere an Petrus und Paulus: wenn die danach gegangen wären – dann wären wir heute nicht hier, wo wir sind.

In den vergangenen Wochen war ich viel unterwegs, einige andere aus der Gemeinde auch. Im Herbst sind Wahlen zum Kirchenvorstand, und wir haben uns auf die Suche gemacht nach Menschen, die das übernehmen wollen. Mit sehr überschaubarer Resonanz. Sechs Personen haben bisher zugesagt. Das ist toll, ich freu mich darüber – aber leider reicht es noch nicht. Denn wenn eine Gemeindeleitung auf so wenigen Schultern ruht, dann wird es für die einzelnen schon echt schwer. Schwerer, anstrengender und fremder als es sein müsste.

Ich bin überzeugt, der Geist stößt und spricht immer noch Menschen an, im größeren und im kleineren. Nur geht das halt manchmal gegen eigene Pläne – oder vielleicht noch nicht mal wirklich dagegen, aber es entspricht halt nicht im vollen Umfang den eigenen Wünschen. Es kostet Zeit, es kostet Kraft und es stellt einen ein bisschen mehr ins Rampenlicht und in die Fremdheit, als es halt bequem ist. Das ist schon richtig. Aber ich bin trotzdem ehrlich erstaunt und auch ein wenig erschüttert, wie viele Absagen im Vergleich zu den Zusagen gekommen sind. Wie gesagt, man stelle sich vor, Petrus und Paulus hätten so reagiert. – so ganz nebenbei, was passiert eigentlich, wenn es bei den sechs Leuten bleibt, und sich niemand weiterer anstoßen lässt, dieses Amt zu übernehmen? – dann geht es über kurz oder lang hier eben nicht weiter als eigene Gemeinde. Dann würde Röthenbach vermutlich zu einer Filiale von Wendelstein.

Aber ich kann mir das gar nicht vorstellen, dass der Geist hier so wenig tut. Ich bin sicher, dass er einige Menschen angestoßen hat, dass er zu einigen gesagt hat: Du – ja, genau du – ich will, dass du in meinem Auftrag unterwegs bist. Das ist fremd, das kann unbequem sein, alles richtig. Aber ich garantiere dir, selbst wenn du wirklich nur wenig rausziehst, ist so ein Amt zumindest für ein Abenteuer und ein paar Erfahrungen gut. Und wenn du dich ein bisschen nur drauf einlässt – dann wirst du in der Folge auch ein bisschen mehr verstehen, was mit den fremden Worten Gottes gemeint ist. Dann wirst du spüren, wie Gottes Geist für eine Sache be-geistern kann.

Da muss man sich noch keiner Sache 100%ig sicher sein. Ich kann mir kaum vorstellen, dass Petrus 100% gewusst hat, worauf er sich da einlässt, und bei dem ging es um mehr. Er hat es halt probiert. Er war kein Supermodell für den Glauben, er hat öfter mal was falsch gemacht – wie übrigens Paulus auch – er wird öfter mal auch irre geworden sein an dem was Jesus da eigentlich von ihm will. Aber, verrückt, wie es war, gemacht hat er es trotzdem, so gut er es konnte. Und mehr wollte Gott auch nicht von ihm.

Und hier, in Röthenbach? Da muss sich auch keiner 110% sicher sein, Da darf auch jeder ausprobieren, sehen, was kommt, da muss man auch nicht perfekt sein. Das einzige, was es braucht: Gebt dem Geist eine Chance. Sagt nicht gleich „ach nee, passt mir nicht so in den Kram, frag mich noch mal in sechs Jahren, oder frag doch meinen Nachbarn“ – nein, denn jeder einzelne ist gefragt, und kann die Frage nicht einfach wegschieben. Und keiner braucht ein fertiges Rezept in der Tasche haben. Der Geist ist nämlich durchaus kreativ – und wir – sind das doch auch.

In diesem Sinne bitte ich jetzt einfach den Geist Gottes darum, dass er in den Herzen und Sinnen von recht vielen Röthenbachern etwas anstoßen möge, damit seine Arbeit hier im Ort weiter geht – und freue mich auf die Meldungen nach dem Gottesdienst.

Und Gottes Geist beflügle unsere Herzen und lasse uns fröhlich und beschwingt bleiben – trotz aller Fremdheit. Amen.